Soziale Landwirtschaft auf der 15. Wissenschaftstagung für Ökologischen Landbau, Kassel

Die Tagung: Innovativ forschen – für die Praxis[1]

Unter dem Motto „Innovatives Denken für eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft“ fand vom 5. bis 8. März 2019 die 15. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau in Kassel statt. Rund 520 diskutierten Zukunftsperspektiven des Ökologischen Landbaus als auch die Lösung konkreter Herausforderungen. Themen waren unter anderem gesellschaftliche Leistungen des Biolandbaus, neue Züchtungen, Anbau und Vermarktung von Leguminosen, Tiergesundheit und Soziale Landwirtschaft.

Arno Ehresmann, Vizepräsident der Universität Kassel, hob in seiner Begrüßungsrede die herausragende Stellung des Fachbereichs Ökologische Agrarwissenschaften in Witzenhausen hervor, an dem bundesweit die erste Professur für „Alternativen Landbau“ eingerichtet wurde. Gunter Backes, Dekan dieses Fachbereichs, ermunterte die Anwesenden, ihre Forschungsergebnisse zu verbreiten und sich auszutauschen. Insbesondere müssten Zusammenhänge in Ökosystemen verstanden und intelligente Lösungen drängender Ernährungsfragen erarbeitet werden.

Eindringlich schilderte Ernst Ulrich von Weizsäcker (Gründungspräsident der Universität Kassel und Ehrenpräsident des Club of Rome) in seinem Plenarvortrag die Schwächen der aktuellen Nachhaltigkeitsagenda. Er legte den Anwesenden ans Herz, sich für neue universitäre Strukturen einzusetzen. Insbesondere der Philosophie – auch in den Naturwissenschaften – müsse eine bedeutende Rolle zukommen und interdisziplinäre Praxisnähe solle akademisch belohnt werden.

Weitere wichtige Impulse für die Tagung gab Jan Plagge (Präsident von Bioland und IFOAM EU). Er führte aus, dass mit der anstehenden Neuausrichtung der gemeinsamen Agrarpolitik die flächengebundenen Direktzahlungen bis 2034 schrittweise beendet werden müssten. Stattdessen sollten Umwelt-, Klima- und Tierwohlleistungen stärker honoriert werden. Staatsministerin Priska Hinz (Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz) bekräftigte ihr Anliegen, ganz Hessen zu einer Ökomodellregion machen zu wollen. Ein Ökoanteil von 25 Prozent bis zum Jahr 2025 ist das Ziel. Hierfür möchte sie die Gemeinschaftsverpflegung stärker einbinden, ein Institut für Agrarsystemforschung gründen und ein Praxis-Forschungs-Netzwerk aufbauen. Uwe Schneidewind (Präsident Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie) gab der Forschergemeinde Impulse für eine große Transformation hin zu einer sozial und ökologisch gerechten Welt. Er steckte mit seinem Optimismus an, dieses Jahrhundertprojekt engagiert anzugehen. Gleichzeitig mahnte er, dass Wissenschaftler keine Solisten sein sollen, sondern zu einem vielstimmigen Chor zusammenfinden müssen. Andreas Krug (Bundesamt für Naturschutz) warf in seinem Abschlussvortrag einen kritischen Blick auf die Perspektiven des Ökolandbaus im Hinblick auf die Erreichung von Naturschutzzielen.

Vielfalt erleben

Sowohl Teilnehmer als auch Organisatoren zeigten sich äußerst zufrieden mit der Tagung, auf der insgesamt 180 Vorträge und 80 Poster präsentiert wurden. Die vielfältigen Möglichkeiten zum Netzwerken wurden rege genutzt und Methoden wissenschaftlichen Arbeitens intensiv diskutiert. In 20 Workshops konnten sich die Teilnehmer zu aktuellen Forschungsthemen austauschen. Vor und nach der Tagung wurden insgesamt 13 Fachexkursionen zu spannenden Betrieben und Projekten des Ökologischen Landbaus rund um Kassel angeboten.

Der langjährigen Tradition des projektorientierten Lernens am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften folgend hatte eine Gruppe Studierender um Professor Johannes Kahl ein ökologisch, regionales und saisonales Verpflegungskonzept erarbeitet und gemeinsam mit dem Kasseler Biorestaurant Weissenstein beim Abendempfang und Tagungsdinner umgesetzt. Auch in der Tagungsorganisation waren Studierende eng eingebunden und haben die Teilnehmer mit ihrer guten Laune angesteckt. Tagungskoordinator Daniel Mühlrath resümierte: „Wir hatten großes Glück, mit einem so hoch motivierten Team arbeiten zu können, in dem alle an einem Strang zogen“.

Die 15. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau wurde ausgerichtet von der Universität Kassel, Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften (Witzenhausen), dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) und der Stiftung Ökologie & Landbau (SÖL). Die alle zwei Jahre an wechselnden Orten stattfindende Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau wurde 1991 initiiert. Sie stellt die wichtigste Konferenz für den wissenschaftlichen Austausch zum Ökolandbau im deutschsprachigen Raum mit Teilnehmern aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und den Nachbarländern dar. Bislang fand sie in Witzenhausen, Kiel, Bonn, Berlin, München, Wien, Kassel, Stuttgart, Gießen, Eberswalde und Zürich statt. Die nächste Wissenschaftstagung wird 2021 in Wien stattfinden.

 

Insekten-Hotel auf der Obstwiese in Fleckenbühl

Exkursion – statt Richerode Fleckenbühl und Fjordpferde

von Thomas van Elsen

Vor dem eigentlichen Tagungsbeginn war eine Exkursion unter dem Thema Soziale Landwirtschaft angeboten worden – exemplarisch sollte ein Beispiel eines sozialen Landwirtschaftsbetriebes besucht und der erwartete Transformationsprozess thematisiert werden. Während in Deutschland bisher Betriebe großer Einrichtungen etwa von Behindertenwerkstätten (WfbM) und auf Soziales spezialisierte Höfe vorherrschen, lässt das im Dezember 2016 verabschiedete Bundesteilhabegesetz (BTHG) eine Öffnung für sog. "andere Anbieter" und damit auch normale Erzeugerbetriebe erwarten. Biobetriebe sind aufgrund der vielfältigeren Betriebsstruktur und geringeren Gefahrenquellen hier prädestiniert.

Die Exkursion sollte zum Hofgut Richerode führen, das heute als einer von mehreren Bioland-Betrieben in Trägerschaft der Hessischen Diakonie Hephata betrieben wird. Ursprünglich diente der Anbau der Selbstversorgung der Einrichtung; als diese unrentabel wurde, wurde die Landwirtschaft aufgegeben und die Hofgebäude wurden zur Industriemontage genutzt. Die Neugründung der Sozialen Landwirtschaft erfolgte mit dem Ziel, sinnvolle und abwechslungsreiche Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu schaffen – der Umgang mit Tieren, Pflanzen und dem Boden wirkt stabilisierend und therapeutisch. Der vielseitige Gemischtbetrieb mit Schweine-, Mutterkuh- und Hühnerhaltung erzeugt Getreide und Kartoffeln und betreibt eine Möhren- und Kartoffelschälanlage für die Belieferung von Großküchen (u.a. der Mensa der Universität Kassel). Der engagierte Betriebsleiter Frank Radu versucht, Menschen mit Behinderung nach ihren Fähigkeiten einzusetzen. Aufgrund der deutschen Auslegung der UN-Behindertenrechtskonvention wohnen heute viele der Beschäftigten nicht mehr auf dem Hof, sondern außerhalb. Weiter ist die Vermittlung von Beschäftigten auf Erzeugerbetriebe (als Außenarbeitsplatz mit dem Fernziel einer regulären Anstellung) erklärtes Ziel. Besucht werden sollte außer dem Hofgut ein konventionell wirtschaftender Hof im Nachbarort, der einen Arbeitsplatz bereitgestellt hat.

Nachdem es nur vier Anmeldungen gab, wurde die Exkursion mit der zweiten, die zu einem Betrieb der Sozialen Landwirtschaft führte, zusammengelegt: Die Exkursion zu den Fleckenbühlern statt unter der Überschrift Biodiversität. Die Sucht-Selbsthilfe-Lebensgemeinschaft bewirtschaftet das ehemalige Kasseler Stadtgut bei Marburg seit 1984 biologisch-dynamisch. Der vielseitige Betrieb umfasst Milchvieh, Rinder- und Ziegenhaltung auf 80 ha Grünland, 170 ha Ackerbau, Obstbau, Käserei, Hofläden, Café und Bio-Catering. Der Betrieb betreibt in vieler Hinsicht aktiven „Naturschutz ohne Vergütung“, so Landwirt Uwe Weimar. Zur Förderung des Brombeerzipfelfalters erfolgt eine an die Bedürfnisse der Art angepasste Pflege der Heckensäume, und auf Initiative des Hofes wurde das „Rote Wasser“, ein das Hofgelände durchziehender Bachlauf, umfassend renaturiert. Behördlicher Naturschutz und Landwirtschaftsbetrieb arbeiteten hier eng zusammen.

Im Anschluss wurde noch ein zweites Exkursionsziel besucht, ein Weideprojekt in der Lahnaue. Im Rahmen von Hochwasserschutzmaßnahmen wurden historische Furkationsrinnen neu angelegt. Entwicklungsziel ist die Offenhaltung und Förderung der eigendynamischen Entwicklung der Gewässer. Rüdiger Ruf vom ökologisch wirtschaftenden Fjordgestüt Fjellhorn in Friedensdorf stellte der Exkursionsgruppe sein Konzept einer Mischbeweidung aus Fjordpferden und Tiroler Grauvieh vor. Es ist eine weitere Soziale Landwirtschaft: Der Reit- und Therapiebetrieb in Dautphetal-Friedensdorf ist 2012 in einen neuen Stall mit Reithalle gezogen und das Fjordgestüt Fjellhorn www.psreiten.de/ wurde gegründet. U.a. werden therapeutisches Reiten/Hippotherapie bei körperlichen, geistigen oder psychischen Problemen, therapeutisches Reiten bei Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten oder sozialen Auffälligkeiten und Reiten als Sport für behinderte Menschen angeboten.

Workshop: Der Mehrwert Sozialer Landwirtschaft -
Perspektiven für Biobetriebe, Forschungs- und Entwicklungsbedarfe

von Thomas van Elsen

Soziale Landwirtschaft verbindet Soziale Arbeit mit landwirtschaftlicher Erzeugung und verfolgt soziale, therapeutische und pädagogische Ziele. Während in Deutschland auf bestimmte Klientel spezialisierte Soziale Landwirtschaftsbetriebe vorherrschen, oft als Teil von Behindertenwerkstätten oder in gemeinnütziger Trägerschaft, ist im europäischen Ausland die Integration landwirtschaftsfremder Menschen in „normale“ Erzeugerbetriebe weit häufiger anzutreffen. Das im Dezember 2016 in Kraft getretene Bundesteilhabegesetz lässt eine ähnliche Entwicklung in Deutschland erwarten. Damit verbunden ist die Herausforderung, die von der UN Behindertenrechtskonvention geforderte „Inklusion“ von Menschen mit besonderen Bedürfnissen in die Landwirtschaft so zu gestalten, dass deren Einbeziehung zur Synergie und nicht zur „Behinderung“ für den Landwirtschaftsbetrieb wird. Geeignet sind insbesondere Biobetriebe, die meist vielfältiger strukturiert sind und weniger Gefahrenquellen aufweisen als konventionell wirtschaftende.

Im Zuge der hessischen Innovationspartnerschaft (EIP) „Mehrwerte Sozialer Landwirtschaft für die landwirtschaftliche Erzeugung“ hat sich eine Operationelle Gruppe (OG) aus Erzeugern und Wissenschaftlern zusammengefunden, die das Potenzial Sozialer Landwirtschaft für die Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe im Bundesland Hessen untersucht und unterstützen möchte. Parallel hat das EU-Projekt PROFARM untersucht, wie eine Entwicklungsbegleitung von Menschen mit Assistenzbedarf die Inklusion in Landwirtschaftsbetriebe außerhalb der Behindertenwerkstätten erleichtern kann.

Etwa 25 TeilnehmerInnen nahmen an dem 90 minütigen Workshop teil. Einleitend wurden durch Thomas van Elsen und Lena Hüttmann die beiden genannten Projekte kurz vorgestellt. Seitens der operationellen Gruppe des EIP-Projekts war Benjamin Maceus von der Lebensgemeinschaft „die Fleckenbühler“ gekommen und stellte den Hof vor.[2] Dort leben und arbeiten ca. 140 Menschen als Selbsthilfe-Gemeinschaft mit dem Ziel einer abstinenten Lebensweise. „Der Weg aus der Sucht und rein ins Leben“. Weder Ärzte noch Psychologen begleiten die Prozesse, alles geschieht in Selbstleitung. Es können jederzeit Menschen mit dem Willen zur Suchtbewältigung zur Gemeinschaft dazustoßen, es gibt keine Wartezeiten. Die Aufenthaltsdauer ist unbegrenzt und reicht von einem Tag über Wochen bis zu 40 Jahren und darüber hinaus. Die Gemeinschaft lebt ausschließlich alkohol- und drogenfrei, einschließlich Zigaretten. Es gibt hier die Möglichkeit, in verschieden Betriebszweigen des Hofes Ausbildungen zu absolvieren und auch intern in Leitungspositionen hineinzuwachsen, sowie verschiedene schulische Abschlüsse nachzuholen und abzuschließen. Der landwirtschaftliche Betrieb wirtschaftet nach den Demeter-Richtlinien in der Vieh- und Feldwirtschaft auf 250 ha Land, davon 170 ha Acker und 80 ha Dauergrünland. Der Schwerpunkt liegt auf der Milchviehhaltung mit 70 Milchkühen, dazu 10 Jungrinder und 30 Milchziegen. Auf einem Hektar werden Obstbäume und auf 6 ha Feldgehölze gepflegt. Die Rohmilch wird zu hochwertigem Rohmilchkäse verarbeitet, sowie das Getreide zu vielfältigem Gebäck in einer Außenstelle in Frankfurt am Main. Milch und Käse werden und unter anderem in umliegende Rewe-Märte geliefert. Die Finanzierung der Gemeinschaft wird zu 50% aus den Erlösen der Zweckbetriebe gestemmt. Die andere Hälfte aus Spenden, Geldauflagen und aus öffentlicher Hand. Hier werden keine Tagessätze zur Betreuung gezahlt, da hier alle Mitarbeiter und Klienten zugleich sind. Die Äcker werden mit einer ausgewogenen Fruchtfolge bewirtschaftet, Anbau von Luzerne zur Humusmehrung. Grünland schnitte werden zur Grassilage veredelt.

Mehrwerte der Sozialen Landwirtschaft für die Natur gibt es zum Beispiel durch Insektenhotels, die auf Fleckenbühl zur Förderung der Biodiversität gebaut und gepflegt werden. Viele helfende Hände können Aufgaben auf einem landwirtschaftlichen Betrieb ermöglichen, die von einem einzelnen Landwirt oft nicht zusätzlich gestemmt werden können aus Zeitdruck und Personalmangel. Hier birgt die Soziale Landwirtschaft einen Mehrwert für die Landschaftspflege und den Naturschutz. Ein weiteres Beispiel ist die Ermöglichung der Frühkartoffelernte per Hand zur schonenden Behandlung der Kartoffeln.

Im Anschluss an die exemplarische Vorstellung eines Beispielbetriebs – der allerdings in Deutschland mit seinem Konzept einzigartig ist – wurden von den Teilnehmenden Moderationskarten beschriftet zur Frage: Welche Mehrwerte birgt die Soziale Landwirtschaft? Die Karten wurden von Lena Hüttmann und Pauline Reichardt anschließend thematisch an der Pinnwand geclustert.

Aus der Fülle an Mehrwerten, die an der Pinnwand zusammenkamen und die als Ergebnis in das EIP-Projekt einfließen werden, sei an dieser Stelle ein mehrfach genannter herausgegriffen: die gesundheitsfördernde Wirkung Sozialer Landwirtschaft. Außerhalb Deutschlands ist der Gesundheitsaspekt der Sozialen Landwirtschaft oft die Hauptmotivation staatlich finanzierter Förderung. Etwa in den Niederlanden erfolgt die Finanzierung der dort verbreiteten „Pflegehöfe“ fast ausschließlich aus dem Gesundheitssektor, und zwar mit dem Ziel, der Gesellschaft durch Gesundheitsprävention Geld zu sparen und somit teuren Therapieformen zur Katastrophenbewältigung vorzubeugen. In Deutschland spielt der Gesundheitsaspekt in Bezug auf Soziale Landwirtschaft bisher eine untergeordnete Rolle, im Gegenteil stehen viele Landwirtschaften, die zu Behindertenwerkstätten gehören, unter ständigem Rechtfertigungsdruck, vergleichsweise teure Arbeitsplätze anzubieten und mit vorgegebenen Betreuungsschlüsseln nicht zurecht zu kommen – der (volkswirtschaftlich) kostensparende Mehrwert Sozialer Landwirtschaft ist kaum im Bewusstsein. - Hierzulande setzt die Förderung in der Landwirtschaft an im Landwirtschaftssektor unter dem Aspekt der Einkommensdiversifizierung, der in den Niederlanden kaum relevant ist!

Den Abschluss des Workshops bildete ein Brainstorming zu Forschungsbedarfen und Beratung: Wo soll in den nächsten Jahren aus Sicht der Forschung angesetzt werden, um Soziale Landwirtschaft weiter zu entwickeln?

 


[1] protokolliert von Pauline Reichardt

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