Landwirtschaft mit jungen Geflüchteten – wie sie mit und für alle Akteure gut gelingen kann

Bericht von Claudia Schneider

Am 29. November 2017 kamen in der Diakonie auf dem Landgut Holzdorf bei Weimar 40 Menschen aus Landwirtschaft, Sozialer Arbeit und Verwaltung zusammen, welche sich für Landwirtschaft mit Geflüchteten interessieren. Der Thüringer Ökoherz e.V. stellte hier den Leitfaden „Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge in der Sozialen Landwirtschaft“ vor. Diesen hatte der Verein zusammen mit Partnern aus Landwirtschaft und Flüchtlingshilfe erarbeitet.

„Die wollen doch gar nicht aufs Land, die möchten doch alle in der Stadt leben.“, - dies ist eine häufige Reaktion, wenn der Thüringer Ökoherz e.V. über sein Kooperationsprojekt zu jungen Geflüchteten in der Soziale Landwirtschaft berichtet.

Dass dies nicht immer der Fall ist, zeigt an jenem Tag Ali Shahadeh. Herr Shahadeh ist aus Syrien geflohen, lebt jetzt in Thüringen. Am 29. November ist er zu der Veranstaltung in Holzdorf gereist, um Landwirten von seiner Idee zu erzählen. Er hält eine Packung mit Wachteleiern hoch. Sein Traum ist es Wachteln zu züchten. Er möchte Fleisch und Eier verkaufen, seinen Lebensunterhalt mit den Tieren verdienen. Dabei stößt er auf jede Mengen Hürden. Tierhaltung und Verkauf sind in Deutschland streng reguliert: Tierseuchenkasse, Veterinäramt, Gewerbeschein, Schlachterlaubnis… „In Deutschland braucht man für alles Papiere“, sagt Ali Shahadeh. Auch deutsche Landwirte hadern mit der Bürokratie. Kommt ein Mensch aus einen fremden Sprach- und Kulturkreis sind die Hürden ungleich höher.

Das Beispiel von Herrn Shahadeh zeigt, dass Soziale Landwirtschaft mit Geflüchteten weitergedacht werden muss. „Beschäftigung, Betreuung und Therapie sind Kernbestandteile der Sozialen Landwirtschaft. Möchte man diese mit Geflüchteten realisieren, kommt aber ein weiteres Thema hinzu: Arbeit und Ausbildung. Für viele Geflüchtete ist es wichtig, Geld zu verdienen, einer Arbeit in der neuen Heimat nachzugehen. Das ist nicht nur relevant, weil viele Flüchtlinge Geld zu Verwandten in der Heimat schicken wollen, sondern sorgt oft auch für eine sichere Bleibeperspektive“, erläutert Claudia Schneider vom Thüringer Ökoherz e.V. .

Die Soziale Landwirtschaft mit jungen Geflüchteten kann hier neue Wege gehen. Freiwilligendienste wie das Freiwillige Ökologische Jahr können stärker bezuschusst werden. Eine Ausbildung kann durch Hilfen zur Erziehung und ausbildungsbegleitende Hilfen unterstützt werden oder als assistierte Ausbildung absolviert werden. Hierdurch kann während einer Ausbildung zum Beispiel sozialpädagogische Unterstützung sichergestellt werden. Eine Ausbildung kann flexibilisiert werden oder durch einen Sprachkurs begleitet werden. Darüber hinaus gibt es weitere Möglichkeiten, wie Arbeit und Ausbildung in der Sozialen Landwirtschaft ermöglicht werden können.

Auch bewährte Modelle der Sozialen Landwirtschaft, welche einen stärkeren Fokus auf Betreuung oder Therapie setzen, sind für junge Geflüchtete eine große Chance. Tier- und gartengestützte Therapie können dabei helfen, traumatische Ereignisse zu überwinden. Das Leben und Arbeiten in der Natur wirkt heilsam. Die deutsche Sprache kann bei der gemeinsamen Gartenarbeit quasi nebenbei trainiert werden. Das Ankommen in Deutschland wird durch die Integration in einen familiären Betrieb erleichtert.

Das Pflegefamilienmodell, betreutes Einzelwohnen oder eine intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung innerhalb der Sozialen Landwirtschaft können folglich auch junge Geflüchtete beim Ankommen in Deutschland unterstützen.

Auch Dr. Klaus Sühl, Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft, betont die Rolle der Landwirtschaft bei der Integration Geflüchteter Menschen. Der ländliche Raum biete gute Möglichkeiten zur Integration. Hier tritt eine kleine Dorfgemeinschaft an Stelle der oft anonymen Stadt.

Es gibt viele Thüringer Landwirte, welche für die Soziale Landwirtschaft mit Geflüchteten offen sind. Dies bestätigen die Landwirte, welche zur Veranstaltung nach Holzdorf gereist sind. Dass die Wenigsten von ihnen bereits Projekte umsetzen, liegt vor allem an den bürokratischen Hürden:

„In unserer Gärtnerei ist die Tür offen. Aber ich habe nicht die Zeit, nicht die Kapazitäten mich nebenbei noch um den ganzen bürokratischen Aufwand zu kümmern.“, berichtet Alexandra Seitenstücker von der Gemüsewerkstatt Grünschnabel. Auch andere Landwirte möchten Geflüchtete gerne unterstützen, wissen nur noch nicht genau wie. Ein Landwirt berichtet von Vorbehalten innerhalb der Belegschaft, ein anderer über fehlende Infrastruktur. Sabine Hoffmann von der Jugendhilfeeinrichtung Pfad ins Leben e.V. gibt zu bedenken, dass ein achtstündiger Arbeitstag zu lang für die meisten Jugendlichen ist.

Die Veranstaltung des Thüringer Ökoherz e.V. geht auf viele dieser Bedenken ein, schlägt Lösungswege vor. Es werden Tipps gegeben, wie man das Sprachlernen auf dem Hof unterstützen kann und von welchen Stellen man hier Unterstützung bekommen kann. Schulungsmöglichkeiten zum Thema Interkulturalität werden als Antwort auf Vorbehalte und Weg zu mehr Verständnis genannt, Wege zum Umgang mit Traumata aufgezeigt, Finanzierungsmodelle vorgeschlagen.

Dass so viele Menschen zu der Veranstaltung gekommen sind, motiviert die Veranstalter. Der Thüringer Ökoherz e.V. zeigt sich davon überzeugt, dass es bald mehr Soziale Landwirtschaftsprojekte mit und für Geflüchtete geben wird. Mit der Vernetzung von Landwirten, Sozialarbeitern und Verwaltungsmitarbeitern sei der Grundstein für eine erfolgreiche Umsetzung gelegt.

Der Leitfaden "Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Sozialen Landwirtschaft" ist verfügbar. Die gedruckte Version schicken wir Ihnen gern per Post. Senden Sie dazu einen frankierten Rückumschlag an Thüringer Ökoherz e.V., UMF in der Sozialen Landwirtschaft, Schlachthofstr. 8-10, 99423 Weimar. Die pdf-Version steht Ihnen zum Download zur Verfügung unter www.oekoherz.de.

Ansprechpartnerin für das Projekt „UMF in der Sozialen Landwirtschaft“: Claudia Schneider, Thüringer Ökoherz e.V., Schlachthofstr. 8-10, Tel.: 03643 4953090, c.schneideroekoherz.de

 

Der Bericht kann hier heruntergeladen werden.

 

 

 

 

Auf dem Weg zur Veranstaltung
Hochkarätiger Besuch: Dr. Klaus Sühl, Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft
Marlene Luft, Christine Baumbach-Knopf und Claudia Schneider vom Thüringer Ökoherz