Ein koreanischer Tag auf Hof Fleckenbühl

Die koreanische Besuchergruppe auf Hof Fleckenbühl. Hintere Reihe 2. v.l. die Autorin; vorn 2. v.l Organisator und Übersetzer Dongkyu Kang und in der Mitte Landwirt und Gastgeber Uwe Weimar

von Sophia Hesse

Als wir am Morgen des 31. Mai auf Hof Fleckenbühl (bei Marburg, Hessen) ankommen, erwartet uns ein idyllischer Hof. Ein großer Innenhof ist von Scheunen und Wohnhäusern umgeben. Im Hof Café mit angrenzendem Hofladen werden die ersten Schirme aufgespannt. Es herrscht ein ruhiges Getümmel an diesem Feiertag.

Gegen 10 Uhr kommt ein Reisebus mit den knapp 20 südkoreanischen Besuchern. Sie machen eine Rundtour durch Deutschland, Niederlande und Belgien und besuchen dabei verschiedene Höfe, die sich der Sozialen Landwirtschaft widmen. Einige haben sogar bereits Erfahrung in der Sozialen Landwirtschaft. Hof Fleckenbühl, eine therapeutische Selbsthilfegemeinschaft für Suchtkranke, ist auf ihrer Reise der erste Stopp (www.diefleckenbuehler.de).

Der Tag beginnt mit einem Vortag von Thomas van Elsen und gibt eine Einführung zur Sozialen Landwirtschaft insbesondere in Deutschland, aber auch in einigen Nachbarländern sowie in die Fragestellungen des EIP-Projekts, in dem auch Fleckenbühl engagiert ist. Dongkyu Kang vom Korea Rural & Territorial Development Institute aus Seoul, der in Göttingen studiert hat, perfekt Deutsch spricht und die Reise organisiert hat, übersetzt währenddessen den Vortrag auf Koreanisch. Am Ende werden emsig Fragen gestellt.

 Es folgt eine Hofführung. Dabei wird über die großen Silospeicher gestaunt, aber auch über die teilweise über 300 Jahre alten Mauern der Scheune. Die Ziegen werden gefüttert und den Kühen beim Fressen zugeschaut. Ein „Ahh“ und „Ohh“ raunt des Öfteren durch die Gruppe.

Alles wird auf Fotos festgehalten und bei dieser Gelegenheit lernen wir auch das koreanische Zeichen für Liebe kennen (Zeigefinger und Daumen werden so überkreuzt, dass ein kleines Herz entsteht, s. Teilnehmer ganz links im Gruppenfoto).

Am frühen Nachmittag gibt es einen Vortrag von Landwirt Uwe Weimar, der selbst seit 18 Jahren Mitglied der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auf dem Hof ist. Uwe sagt von sich selber, er sei drogensüchtig. Er nimmt zwar seit 18 Jahren keine Drogen mehr, aber Drogensucht sei eine unheilbare Krankheit. Während seines Vortages wird mit Hilfe von Fächern und kalten Säften versucht, gegen die Hitze anzukämpfen. Trotz mäßigen Erfolges mit dieser Taktik wird mit großer Aufmerksamkeit zugehört.

 Das Einmalige an Hof Fleckenbühl ist, dass er allen Menschen mit Suchtproblem jederzeit offensteht, die den Wunsch hegen, drogenfrei zu leben. Es gibt keine Tore oder abgeschlossene Türen, Jeder und Jede kann kommen und gehen wann er/sie will. Alle Mitglieder der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft sind aufgrund von Suchtproblemen dort. Das heißt, es gibt z.B. keine Therapeuten oder Sozialpädagogen, denn die eigentlichen Experten seien die Betroffenen selbst. Dieses Konzept ist nur möglich,weil sich der Hof zum größten Teil selbst finanziert und dadurch unabhängig von Staat und Auflagen ist. Über 40% der Einnahmen stammen aus den eigenen Betriebszweigen, wobei das eigene Transportunternehmen die meisten Einnahmen einbringt im Gegensatz zur Landwirtschaft. Bei dieser geht es jedoch nicht um reine Gewinnerzielung, sondern um die (Hand-)Arbeit an sich, die sehr wichtig ist für viele der drogensüchtigen Menschen. Die restliche Finanzierung besteht zum größten Teil aus Zuwendungen der öffentlichen Hand (ca. 35%) und Spenden bzw. Geldauflagen (ca. 11%).

Wenn Menschen sich entscheiden, auf dem Hof zu leben, dann bedeutet das erstmal strenge Regeln, wie anfänglich durchgehende Überwachung oder 6 Monate Kontaktsperre und natürlich absolutes Drogenverbot (Zigaretten mit eingeschlossen). Kein Wunder also, dass es zu hohen Fluktuationen kommt, aber natürlich auch zu großartigen Erfolgserlebnissen.

Der Tag schließt ab mit einer Rundfahrt auf dem Treckeranhänger zu einem nahe gelegenen Hügel mit wunderschöner Aussicht auf die Kulturlandschaft und Hof Fleckenbühl und mit viel Gelächter und Freude über diesen erlebnisreichen, aber auch lehrreichen Tag.

Kontakt: Sophia Hesse (Masterstudentin an der Universität Kassel-Witzenhausen),
SophiaHesseweb.de

 

Der Bericht kann hier heruntergeladen werden.

 

 

Visitenkarte eines der koreanischen Besucher – mit Foto seines Schulbauernhofs
Ziegen mögen Laub – praktischer Fütterungsversuch während der Hofführung
„Drogenfrei“ heißt auch „ohne Chemie“ auf dem gepflasterten Hof …
Uwe Weimar hatte eine Hofrundfahrt auf dem Treckeranhänger organisiert – zur Begeisterung der Gäste aus Südkorea