Gespräch mit Alfons Limbrunner

(Das folgende „Gespräch“ fand im Frühjahr 2017 statt)

Lieber Alfons,       

die Kapitel in unserem Buch hatten wir ja in einen Herausgeberdialog eingebettet und über die Entwicklung Sozialer Landwirtschaft philosophiert. Wie stellt sich die Entwicklung seither aus Deiner Sicht dar?

 

Alfons Limbrunner: Wenn ich auf diese letzten vier Jahre zurück schaue, die unsere gemeinsame Arbeit bis dahin fortsetzte, so finde ich, dass es erfreuliche Fortschritte gegeben hat. Die Gründung verschiedener regionaler Netzwerke und verschiedene landesweite Aktivitäten zeugen davon. Sichtbar wird das vor allem in den Rundbriefen der DASoL – mittlerweile 30! -, die von Dir, leider immer noch ehrenamtlich, zusammengestellt und herausgegeben werden. Die Arbeit in Bayern überschaue ich besonders gut. Hier ist es gelungen, drei funktionierende, über die Regierungsbezirke verteilte Netzwerke zu gründen. Die Unterstützung des Ministeriums hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt. Wir konnten mehrere Informationsveranstaltungen für Landwirte anbieten, eine Studie zur Situation der Sozialen Landwirtschaft durchführen und das Ministerium hat eine Arbeitsgruppe installiert, deren Ergebnisse  jetzt in einem Leitfaden für landwirtschaftliche Betriebe als Einkommensmöglichkeit vorliegt. Wie siehst Du denn die bundesweite Entwicklung?

 

Thomas van Elsen: Ich denke, es gibt verschiedene Ebenen. Die Vernetzung und Unterstützung wächst dort, wo regionale Akteure aktiv sind und die Politik und Verwaltung für das Thema gewinnen – Bayern hat da weiter eine Vorreiterrolle. Mit dem zunehmenden Interesse einher gehen Fragen der Aus- und Weiterbildung, der Zielrichtung, der thematischen Vielfalt und qualitativen Weiterentwicklung der Sozialen Landwirtschaft, und natürlich der Unterstützung derer, die Soziale Landwirtschaft betreiben wollen. „Unterstützung“ darf sich nicht auf’s Finanzielle beschränken, sondern sollte auch die Verständigung über Ziele und Ideale umfassen – deshalb würde ich das Gespräch gern mit diesem Thema anfangen: Du hast ja während Deiner Lehrtätigkeit in Nürnberg von Grüner Sozialarbeit gesprochen. Was hast Du damals darunter verstanden, ist das identisch mit Sozialer Landwirtschaft?

 

AL: Mein Verständnis war geprägt von den verschiedenen Trägern Sozialer Arbeit, die grüne Tätigkeiten aber auch Bildungsangebote in Bereichen der Pädagogik, der Rehabilitation, Resozialisierung und anderen sozialen Hilfen anboten. Lange vorher lernte ich erstmals diese Form  in zwei drei sozialen Einrichtungen kennen. Mich hat das sehr überzeugt. So ist es zur Grünen Sozialarbeit und den Seminaren gekommen, die ich seit 2003 an der Evangelischen Hochschule angeboten habe. Einen weiteren maßgeblichen Impuls habe ich durch Deine rührigen Aktivitäten in Witzenhausen bekommen. Dass das zur Zusammenführung beider Perspektiven – Soziale Arbeit und Landwirtschaft – geführt hat, empfand ich als Glücksfall. Den von Dir forcierten Begriff der Sozialen Landwirtschaft fand ich gut, zumal es Dir ja gelungen ist, mehrere, vom Landwirtschaftsministerium finanzierten Forschungsprojekte unter diesem Titel zu initiieren. Das waren aus meiner Sicht die wichtigsten Anstöße für die Entwicklung in den letzten Jahren. Dass daraus ein neuer Zweig des landwirtschaftlich-soziales Unternehmertum wird, in dem es nicht nur um Ideale sondern um zusätzliches Einkommen bzw. Diversifizierung geht, liegt nahe und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Vielleicht kommen wir darauf noch einmal am Ende unseres Gespräches zurück, wenn es um die Zukunftsperspektiven, insbesondere um die qualitative Weiterentwicklung Sozialer Landwirtschaft geht.    

 

TvE: Dieses Gespräch und die Reflektion der aktuellen Entwicklung ist aus meiner Sicht ein sehr wichtiger Beitrag Deinerseits! Wenn ich Dich richtig verstehe, war Dein Ausgangspunkt das Erleben, dass die Arbeit „im Grünen“ Menschen gut tun kann – und zur Gesundung, Therapie oder Verbesserung der Lebensqualität beiträgt. Ich selber kam zu dem Thema Soziale Landwirtschaft über das Bemerken, dass die Arbeit mit betreuten Menschen andere Formen der Landwirtschaft ermöglicht als der klassische Produktionsbetrieb, der auch im Ökobereich zunehmend von Wachstums- und Intensivierungsdruck geprägt wird. Eigentlich war es das Bemerken, dass Soziale Betriebe die Natur nicht nur als „Setting“ nutzen können, sondern ihrerseits aktiv Natur und ihre Kulturlandschaft entwickeln können, wenn es gut läuft und wenn „ökologische Inklusion“ ein Anliegen auf dem Hof ist.

Ich glaube auch, dass sich derzeit Soziale Landwirtschaft mehr und mehr öffnet, nachdem sie in Deutschland lange eine Domäne spezialisierter Betriebe war, die im Rahmen eines geschützten Raumes mit Menschen arbeiten. Neben den Schulbauernhöfen und ihrem pädagogischen Angebot sind dies „Grüne Werkstätten“, also zu Behindertenwerkstätten (WfbM) gehörige landwirtschaftliche Betriebe sowie anthroposophische Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, die Höfe betreiben. Was sind nach Deiner Erfahrung besondere Qualitäten solcher Betriebe für Menschen, die dort arbeiten und leben?

 

AL: Wir haben ja nicht zuletzt durch die vielen empirisch angelegten Diplom- und Bachelorarbeiten, die in Witzenhausen und Nürnberg aber auch an anderen Hochschulen geschrieben wurden, genügend Anlass, die möglichen Wirkungen grüner Tätigkeiten zu schätzen, aber auch nicht zu überschätzen. Eine Besonderheit sind die Sozialtherapeutischen Gemeinschaften bzw. Dorfgemeinschaften, wie ich sie hier im Großraum Nürnberg kennenlernen durfte, denen ich fachlich aber auch persönlich nahe stehe, seit ich vor etwa fünfundzwanzig Jahren erstmals im Beltz Verlag über anthroposophische Sozialarbeit veröffentlichte. Dort, und in einer ganzen Reihe anderer Gemeinschaften, die sich als Lebensorte auf Dauer verstehen, spielen Gartenbau, Landschaftspflege, Landwirtschaft und Tierhaltung eine zentrale Rolle. Dass man sich zudem tatsächlich bemüht, Gemeinschaft zu leben, ist, gehört zu diesem besonderen Profil. Dort geht es tatsächlich nicht nur um soziale sondern auch um ökologische  Nachhaltigkeit. Soziale Nachhaltigkeit liegt vor, wenn die Interessen unterschiedlicher sozialer Gruppen berücksichtigt und zukunftsverantwortlich im Sinne einer lebenswerten Gemeinschaft gefördert werden. Durchweg kann man den Eindruck gewinnen, dass sich Menschen, die zusammen leben und arbeiten, eine Spur anders verhalten, als das in manch anderen Einrichtungen der Behindertenhilfe zu beobachten ist. Denn, so lässt sich vermuten, wer im anderen nicht nur den Behinderten, den Klienten oder Kunden, sondern auch den Mitmenschen, den Mitbewohner und Nachbarn sieht, verhält sich offensichtlich auch anders. Vom anthroposophischen Ideengebäude kann man halten was man will. Fakt ist, dass die praktischen Ansätze, die daraus abgeleitet wurden, höchst wirkungsvoll sind. Die Leistungen in der Pädagogik, der Pharmazie, der Wirtschaft, im Bankwesen, in der Landwirtschaft und eben auch in der Sozialen Arbeit zeigen, dass deren Praxis sich zu einem bereichernden kulturellen Faktor entwickelt hat. 

 

TvE: Ich sehe das auch so, dass sich gerade im Bereich der Sozialen Landwirtschaft da viel Vorbildliches entwickelt hat, das heute reif für die Gesellschaft ist. Rudolf Steiner hatte ja 1924 kurz vor seinem Tod zwei Vortragszyklen gehalten, den „Landwirtschaftlichen“ und den „Heilpädagogischen Kurs“, und viele biologisch-dynamische Höfe haben diese Impulse gleich verbunden und Menschen mit Unterstützungsbedarf integriert. Und das Spannende ist, dass dadurch Höfe entstanden sind, in denen der sonst in der Landwirtschaft vorherrschende Dauerstress und ökonomische Zwang zu Intensivierung ein Stück weit ausgehebelt sein kann. Ich formuliere das bewusst im Konjunktiv, weil nicht wenige solcher Lebens- und Arbeitsgemeinschaften heute in einer Krise stecken. Immer weniger Menschen wollen und können sich auf einen 24-Stunden-Job einlassen, und in etlichen Gemeinschaften wird die Landwirtschaft heruntergefahren, indem z.B. die arbeitsintensive Milchviehhaltung aufgegeben wird. Ich habe kürzlich eine Bachelorarbeit betreut, bei der es um die Zukunft der Landwirtschaft auf einem Hof am Bodensee ging, und da war das Fazit des Bauern: „Eigentlich wird die Landwirtschaft durch das Arbeiten mit Behinderten behindert“. Auch solche Höfe stehen vor der Herausforderung, im Zuge des Generationswechsels das Ziel und die Möglichkeiten Sozialer Landwirtschaft neu zu greifen und sich weiterzuentwickeln. Interessant kann dazu ja auch eine Beschäftigung mit den Ursprungsimpulsen sein. Du hast Dich intensiv mit Karl König und der Camphill-Bewegung beschäftigt und ein Buch geschrieben. 

 

AL: Ja, Karl König ist für mich eine Art Mentor auf diesem Gebiet. Meine Geschichte mit ihm reicht weit zurück. Als ich einst die von Hans Müller-Wiedemanns verfasste Biographie über ihn las, entdeckte ich, dass König, so wie ich, ein literarischer Verehrer Adalbert Stifters war, stieg mein Interesse an ihm, nachdem ich vorher schon sein Buch „Brüder und Schwester – Geburtenfolge als Schicksal“ kannte und gut fand. Und so habe ich mich intensiver mit Königs Persönlichkeit und seinem Camphill-Gründungsimpuls befasst. Man muss sich das vorstellen: ein in Wien geborener jüdischer Arzt emigriert nach Schottland und gründet dort mitten im Krieg mit etlichen anderen österreichischen Emigranten eine heilpädagogische und sozialtherapeutische Bewegung, die inzwischen weltweit verbreitet ist und allein in Deutschland ein gutes Dutzend Einrichtungen umfasst. König hat 1956 die erste Dorfgemeinschaft in Schottland gegründet und dann nach seiner Rückkehr nach Deutschland wiederum die erste Dorfgemeinschaft, den Lehenhof am Bodensee aufgebaut. Dort hat er auch über das Zusammenfließen des heilpädagogischen und landwirtschaftlichen Impulses gesprochen. Und wie das so geht, habe ich Richard Steel, den Herausgeber der vielbändigen Karl König Werkausgabe kennen gelernt und mit ihm zusammen drei Bände neu editiert und herausgegeben. Im letzten Jahr erschien mein Buch „Der Wanderer im Morgenrot – Karl König, Camphill und spirituelle Gemeinschaft“. Das ist sozusagen das Resümee meiner langjährigen Auseinandersetzung mit dieser Persönlichkeit und mit dem, was er angestoßen hat und das bis heute wirkt. 

 

TvE: Ja, das wirkt! Vielleicht ergänzend dazu zwei Anekdoten. Vor über 15 Jahren war ich im Rahmen eines EU-Projekts zur nachhaltigen Entwicklung von Kulturlandschaft zu einer Exkursion auf dem Camphill Loch Arthur an der schottisch-englischen Grenze. Die Landschaft dort ist geprägt von Weideflächen, Weißdornhecken und Steinwällen. Und die Landschaft im Umfeld war trostlos: zerbröselnde Wälle, die durch Elektrozäune ersetzt worden waren, bis an den Stammfuß abgeweidete Weißdornbäumchen ohne Chance zur Naturverjüngung. Ganz anders die von dem Hof bewirtschafteten Flächen: intakte Wälle, neu gepflanzte Hecken mit Verbissschutz und angelegte Fechtbiotope prägten das Bild. Einer der beiden Landwirte sagte: “We can do this because we have more helping hands“. Dieser Satz war eigentlich der Auslöser für mein Interesse an der Sozialen Landwirtschaft! Wobei das Potenzial, durch Soziale Landwirtschaft auch aktiv Landschaft und Natur entwickeln zu können, auf den allermeisten Höfen noch im Dornröschenschlaf schlummert.

Einige Jahre später war ich auf dem Hof Noorderhoeve unweit der niederländischen Nordseeküste, einem vielfältigen und beeindruckenden Demeter-Betrieb, der ebenfalls mit Menschen mit Unterstützungsbedarf arbeitet und – wie sich in Gesprächen herausstellte – ebenfalls Mitglied in der Camphill-Bewegung ist, dies aber nicht nach außen zu erkennen gibt. Dort führte uns der Gärtner, der erst kürzlich von einem englischen Camphill dorthin gewechselt hatte, und sagte dabei sinngemäß: „Noorderhoeve IST ein Camphill, während etliche andere Höfe, auf denen ich vorher gearbeitet habe, sich Camphill nennen, aber keine sind!“ Auf Nachfrage erzählte er von einer Art Reformstau, von erstarrten Strukturen, von der Ausbeutung von Praktikanten und von Inkompetenz der Verantwortlichen, während es in Noorderhoeve eine Struktur gab, die die Eigenverantwortlichkeit der für Teilbereiche Verantwortlichen förderte.

Beide Anekdoten habe ich erwähnt, weil mir scheint, dass immer wieder an der Neubelebung der Ziele gearbeitet werden muss, des Leitbildes, wo man eigentlich hin möchte. Ein einmal formuliertes Leitbild, das man abheftet und bei Bedarf wieder aus dem Regal zieht, trägt nicht. Du hast selber Hofgemeinschaften als Supervisor begleitet. Reflektiert man dort die Ziele, und wie lebendig sind die Strukturen; funktioniert der Generationswechsel?

 

AL: Das, was Du berichtest, spricht ja den Wandel in sozialen Organisationen und Gemeinschaften, die unmittelbar mit Menschen arbeiten, an. Einrichtungen, die sich ihre Lebendigkeit bewahren wollen, sind in einem ständigen, oft recht konfliktreichen Wandlungsprozess. Einer meiner Schwerpunkte als Supervisor und Entwicklungsberater war, die Hindernisse der Zusammenarbeit wahrzunehmen und zu schauen, wie kommt man im sozialen Miteinander zu befriedigenden Lösungen, sowohl auf der menschlichen als auch auf der organisatorischen Ebene. Das ist die Voraussetzung, dass es allen gut geht, in erster Linie den Menschen, für die die Gemeinschaft bzw. Organisation gegründet wurde. Supervision ist allerdings in ihren Wirkungen begrenzt, wenn die Einzelnen nicht bereit oder in der Lage sind, ihr Verhalten zu reflektieren und zu ändern, sich vielmehr immunisieren. Hier treffen dann im Sozialen die blinden Flecken aufeinander und das geht dann selten auf Dauer gut. Die Entwicklungsberatung von außen kommt ohne die Bereitschaft, an der eigenen Person zu arbeiten, oder altmodisch ausgedrückt, die notwendige Selbsterziehung nicht aus. Wo das fehlt, stoßen die Verjüngungskräfte und damit der Generationswechsel an ihre Grenzen. Ich habe den Eindruck, dass es, wo immer man hinschaut, schwieriger geworden ist, gedeihlich und – nicht nur als Worthülse – wertschätzend zusammen zu arbeiten. Dazu gehört auch, Vereinbarungen und Absprachen einzuhalten. Wie erlebst Du das? 

 

TvE: Auch so! Solche Gemeinschaften erscheinen mir wie ein großes soziales Experiment, und gerade bei den anthroposophischen und Camphill-Gemeinschaften gab es einen kraftvollen Ausgangsimpuls, der viele Jahrzehnte getragen hatte. Viele solcher Gemeinschaften wurden von beindruckenden Persönlichkeiten aufgebaut, die an dieser Herausforderung gewachsen sind und die große Fußstapfen hinterlassen haben. Und – so meine Wahrnehmung von außen – im Zuge des Generationenwechsels treten diese Persönlichkeiten ab und hinterlassen ein Vakuum, und manches tragende Ideal wird nur noch tradiert und zerfällt mehr und mehr. Ich habe die Vermutung, dass der Generationenwechsel dort funktioniert, wo es gelingt, gemeinsam an einer tragenden Leitidee zu arbeiten, die dann zum Leitbild der täglichen Arbeit wird. Eindrucksvoll ist das z.B. bei den „Fleckenbühlern“, einer Sucht-Selbsthilfe-Einrichtung mit beeindruckendem Landwirtschaftsbetrieb bei Marburg, wo nur Menschen arbeiten, die alle den Willensentschluss gefasst haben, ohne Alkohol, Drogen und Rauchen zu leben und sich dabei gegenseitig unterstützen. Es gibt eine klare Kompetenzhierarchie – je länger man dort mitarbeitet, desto mehr hat man zu sagen. Das geht natürlich überhaupt nicht konfliktfrei, aber das gemeinsame Leitbild, der individuelle Willensentschluss, die tragen - permanente „Selbsterziehung“, wie Du es genannt hast!

„Wer vom Ziel nicht weiß, kann den Weg nicht haben“ formulierte Christian Morgenstern. Vorhin hast Du gesagt: „Vom anthroposophischen Ideengebäude kann man halten was man will. Fakt ist, dass die praktischen Ansätze, die daraus abgeleitet wurden, höchst wirkungsvoll sind.“ Für viele soziale Landwirte der Pioniergeneration einschließlich Karl König war dieses Ideengebäude offenbar ein Kraftquell, aus dem heraus sie Ideale schöpften und umzusetzen vermochten. Kann und sollte dies auch heute noch ein Inspirationsquell für praktische Soziale Landwirtschaft sein? Und auf welche Weise? Lebt da etwas auf den Höfen und in den Hofgemeinschaften, die Du beraten hast?

 

AL: Unmittelbaren Einblick habe ich ja lediglich in zwei größere anthroposophische Gemeinschaften erhalten, die ich nicht verallgemeinern kann. Insgesamt, so finde ich, und das gilt auch für kirchliche und sonstige Organisationen, ist es ganz natürlich, dass sich die ursprünglichen Gründungs- und Pionierimpulse verändern und verwandeln. Das, was für die biographischen Entwicklungsstufen zutrifft, gilt auch für die Dynamik in landwirtschaftlich-sozialen Einrichtungen: Knoten und Konflikte liegen auf dem zu gehenden Weg auf ein wirklich verbindliches Leitziel, ein Leitbild hin. Je kleiner eine Gruppe, ein Team ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle an einem Strang ziehen und sich mit der Arbeit identifizieren. Da sehe ich die Chance für bäuerliche Betriebe, die sich mit einem sozialen Gründungsimpuls verbinden wollen. Nur vom Idealismus allein lässt sich nicht leben, so gesehen muss auch die materielle Basis einigermaßen stimmen. Wenn dazu noch als tragender Grund ein breites Verständnis von einer Spiritualität käme, deren tragender Grund die Mitmenschlichkeit und die Verbundenheit mit der Natur, dem Kosmos und einem den Menschen übersteigenden, alles umgreifenden Letztgültigen – sprich Geist – ist, dann wäre das eine Idealsituation. Allerdings ist auch hier darauf zu achten, dass die oftmals postulierten hohen Ansprüche in Leitbildern und die Last allzu hoch gehängter Ideale in der täglich gelebten Realität zu permanenten Überforderungen und gar zum Scheitern führen.

 

TvE: Ich denke auch, dass nicht das Ziel sein kann, ein „Idealbild“ in der Realität zu verwirklichen, es muss immer permanente Baustelle bleiben! Und gerade in Deutschland scheint mir im europäischen Vergleich das Besondere, dass es eine Vielzahl sehr beeindruckender, meist auf bestimmte Klientel spezialisierte Soziale Landwirtschaftsbetriebe gibt – einmal in der Anthroposophie wurzelnde Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, aber auch zu Behindertenwerkstätten oft kirchlicher Träger gehörende Höfe sowie Höfe, die sich auf Menschengruppen wie Wohnungslose, Suchtkranke, psychisch Kranke oder spezielle Altersgruppen spezialisiert haben. Z.B.in den Niederlanden ist das viel stärker gemischt. Aber als Zentrales werden immer wieder der Umgang mit der Natur – Tieren und Pflanzen – aber auch der Hofzusammenhang und die erlebbar sinnvolle Arbeit als „heilsam“ und stabilisierend beschrieben.

Momentan beginnt sich „Soziale Landwirtschaft“ in Deutschland ja mehr und mehr zu öffnen auch für ganz normale Bauernhöfe; bezeichnenderweise ist Dein Heimatland hier führend, weil auch das Landwirtschaftsministerium in München „Soziales“ als Möglichkeit zur Einkommensdiversifizierung für Bauernhöfe erkannt hat und fördert. Ist dies nicht das von Dir zuvor erwähnte „landwirtschaftlich-soziale Unternehmertum“?

 

AL: Ja, so ist es. Vor allem durch Kerstin Rose vom AELF Passau-Rottalmünster, die mit Verve die oberpfälzisch-niederbayerische Region aufbaute, hatte den entscheidenden Draht nach „oben“. Frau Dr. Lofner-Meir war dann diejenige, die Vieles ermöglichte und die Entwicklung anschob. Und da stand natürlich der Wunsch im Vordergrund, die vielbeschworene Einkommensdiversifizierung auch durch die Möglichkeiten der Sozialen Landwirtschaft voranzubringen. Im Fortgang dieser Entwicklung ist man hier in Bayern gerade dabei, im Rahmen eines EU-Förderprogramms zehn ausgewählte landwirtschaftliche Betriebe, die sich der Sozialen Landwirtschaft öffnen wollen, über einen längeren Zeitraum zu beraten und zu begleiten. Ich denke, dass Kerstin Rose in einem der nächsten Rundbriefe davon berichten wird. Du siehst also, dass damit ganz praktisch die Förderung landwirtschaftlich-sozialen Unternehmertums angegangen wird. Ich habe allerdings den Eindruck, dass Du Vorbehalte gegenüber diesen Entwicklungen hast. Was sind die Gründe dafür? 

 

TvE: Ich glaube, dass wir Frau Lofner-Meier am 7. November 2011 auf der Tagung „Soziale Landwirtschaft - Ziele, Perspektiven und Praxis“ in der Evangelischen Akademie Hofgeismar mit Sozialer Landwirtschaft infiziert haben! Lars Paschold hatte sie eingeladen, dort über „Maßnahmen der Diversifizierung der Landwirtschaft als Beitrag für soziale Leistungen und zu Gender Mainstreaming“ zu referieren, und ihr Beitrag stand mitten in einer bunten Vielfalt an Betriebsvorstellungen und Erfahrungsberichten sozialer Landwirtschaftsbetriebe. Ich erinnere mich noch gut, wie begeistert sie die Tagung verließ!

Du sagst „Vorbehalte“ … zunächst einmal finde ich es einfach toll, was sich in Bayern alles entwickelt hat! Angefangen hatte es ja mit der Initialzündung des Fränkischen Netzwerks durch Dich, ich erinnere mich noch an die Auftaktveranstaltung am 1. Dezember 2010 in der WAB Kosbach! Am 22. und 23. Oktober 2012 fiel dann der Startschuss für das Regionale Netzwerk Niederbayern / Oberpfalz, das Kerstin Rose mit viel Herzblut betreut und entwickelt. Genovefa Kühn begann dann am 11. März 2014 mit dem Aufbau des Netzwerks Soziale Landwirtschaft Schwaben/ Oberbayern, und Werner Vollbracht folgte Dir als „Kümmerer“ für das Nordbayerische Regionalnetzwerk nach. Wie seine zuvor genannten Kolleginnen konnte er mit Unterstützung des Ministeriums und namentlich Frau Lofner-Meir fortan am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Weißenburg als „Berater für Unternehmensentwicklung und Soziale Landwirtschaft Mittel-, Ober- und Unterfranken“ fungieren; Beratung im Bereich Soziale Landwirtschaft gehörte somit zu seinen Dienstaufgaben. Und weiter es gab eine Arbeitsgruppe an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, die einen „Anbieter-Leitfaden“ „Soziale Landwirtschaft - Eine Einkommensmöglichkeit mit sozialem Anspruch“ erarbeitete! Darin wird Soziale Landwirtschaft als „noch sehr junge Einkommenskombination mit Nischencharakter“ bezeichnet und dieser „Einkommenskombination“ ein „hohes Marktpotenzial“ bescheinigt, „das voraussichtlich noch zunehmen wird“. Dem kann ich ganz zustimmen und freue mich darüber – der von dir so genannte „Vorbehalt“ ist der, dass ich mir wünsche, dass die qualitative und inhaltliche Entwicklung Sozialer Landwirt mit ihrer ja gewollten monetären Förderung einhergeht. Anders gesagt: Meines Erachtens geht es darum, einer Ökonomisierung Sozialer Landwirtschaft vorzubeugen und den Anspruch etwa der UN-Behindertenkonvention nach Inklusion ernst zu nehmen. Der Inklusionsbegriff wird eine gerade in Deutschland sehr einseitig verstanden – da stecken weitreichende Perspektiven drin, für die gesellschaftliche Entwicklung und den Umgang mit Mensch und Natur. Ich wünsche mir, dass die Ziele, wohin es weitergeht mit der Sozialen Landwirtschaft, beweglich und ausbaufähig bleiben!

 

AL: Diese Sichtweise teile ich mit Dir und bin, obgleich ich leider nicht mehr aktiv mitarbeiten kann, zuversichtlich, dass es mit der Sozialen Landwirtschaft insgesamt in die richtige Richtung gehen wird.  Die zukünftige Aufgabe wird sein, einerseits Qualitätsstandards zu entwickeln und andererseits nicht nur auf den materiellen sondern auch auf den seelischen, geistigen und spirituellen Zusammenhang von Mensch und Natur hinzuweisen.  Mit dem Aufsatz „Nach grüner Farb‘ mein Herz verlangt…“, der diesen Zusammenhang thematisiert, möchte ich mich zugleich aus der bisherigen Arbeit um die Soziale Landwirtschaft verabschieden.  

 

TvE: Vielen Dank für Deine engagierte Mitarbeit!!

 

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