PROFARM – Projekttreffen in den Niederlanden

von Lena Hüttmann

Ende April kamen bereits zum vierten Mal die sechs europäischen Partner-Organisationen des EU-Projektes PROFARM (PROfessional and personal empowerment in social FARMing, www.profarmproject.eu) zusammen, um an Wegen zur Verbesserung der Qualifizierungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen in der Sozialen Landwirtschaft zu arbeiten. Nachdem wir uns seit Beginn des Projekts im Jahr 2016 bereits in den Partner-Ländern Italien und Deutschland trafen, wurde dieses Treffen von unserem Projektpartner, der integrativen Schule “Groene Welle” (www.groenewelle.nl/) in Zwolle/Niederlande veranstaltet.

Im bereits 3.Jahr seit Beginn unserer gemeinsamen Arbeit stehen wir an einem entscheidenden Punkt: Nach einigen Monaten vorbereitender Arbeit startete im April die Praxisphase des Projekts. Unsere Zielgruppe absolviert ein 6-wöchiges Praktikum auf Partnerbetrieben und wird dabei von den ausgebildeten Case Managern unterstützt. Um die Qualität dieser Arbeit wissenschaftlich zu begleiten finden in Anbindung an die internationalen Treffen Peer-review events statt. So trafen in Zwolle nach einem internen Treffen der Partnerweitere 22 Experten aus dem Bereich Soziale Landwirtschaft aus ganz Europa dazu, um uns bei unserer Arbeit zu unterstützen. In Form eines Coaching Circles auf Basis der „Theorie-U“ nach Otto Scharmer wurde die Praxisphase durch die Experten evaluiert. Neben der Evaluation unserer Arbeit standen deutlich der Raum für Austausch untereinander sowie die Besichtigung von Soziale Landwirtschaft betreibenden Höfen im Vordergrund. Die abwechslungsreiche Reise von Betrieb zu Betrieb verdeutlichte anschaulich, wie vielfältig Soziale Landwirtschaft in den Niederlanden ist.

Am Ortsrand von Zwolle befindet sich die Care Farm De Huppe – ein Betrieb, welcher bereits in den Anfängen Sozialer Landwirtschaft in den Niederlanden die Dringlichkeit eines Ausbildungsangebots für Menschen mit Behinderungen in der Landwirtschaft sah und in den darauffolgenden Jahren an der politischen Gestaltung dieser mitwirkte. Heute werden dort Menschen mit Behinderungen verschiedenen Alters in den Bereichen Gemüsebau, Käsen, Tierhaltung und Holzbau ausgebildet, mit der Intention, später auf einem Betrieb ihrer Wahl ein Arbeitsverhältnis eingehen zu können. Bei der Arbeit auf dem Hof wird darauf geachtet, keinen Leistungsdruck zu erzeugen – es gebe zwar das Potential für eine größere Produktion der hergestellten Güter, dies sei aber nicht das primäre Ziel der Arbeit. Ein relativ großer BioHofladen mit hofeigenen Produkten sowie zugekaufter hochwertiger Ware sorgt für den Kontakt zwischen Hof und Umgebung.

Auf dem Gelände von Zwieseborg wird Soziale Landwirtschaft noch einmal anders gelebt – hier haben die Arbeitenden einen konstanten Arbeitsplatz in dem Bereich Tierhaltung sowie im Restaurant und Bed and Breakfast. Letzteres ist ein Angebot für Eltern, welche mit ihren Kindern mit einer Behinderung vor Ort Urlaub machen können. Der landwirtschaftliche Bereich auf dem Gelände besteht aus der Haltung von Kleintieren, die dort nicht zur üblichen landwirtschaftlichen Nutzung leben. Eine weitere Gruppe ist im Bereich Landschafts- und Gartenbau außerhalb des Geländes in den umgebenden Dörfern tätig. Der Fokus des Betriebs liegt auf der Bereitstellung eines regelmäßigen Tagesrhythmus und dem verantwortungsvollen Umgang mit Tieren; es werden keine Produkte zum Verkauf erzeugt. Die Leitung dieser Care Farm wechselte in den letzten Jahren häufig, was dazu führte, dass die Wirtschaftlichkeit so stark darunter litt, dass es fast zu einer Schließung kam. Mit einem neuen wirtschaftlich tragbaren Konzept und der Ausrichtung auf mehr Öffentlichkeitsarbeit wollen die neuen Besitzer die Idee dieses Projektes aufrechterhalten und es den dort involvierten Menschen weiterhin ermöglichen, ihrer Arbeit nachzugehen.

Auch der im Gelderland liegende Betrieb Hoeve Op Vollenhof verbindet Soziale Landwirtschaft und Bed and Breakfast an einem Ort miteinander. Auf dem liebevoll eingerichteten Gelände arbeiten Menschen mit Unterstützungsbedarf im Gemüsebau und in der Nutztierhaltung. Hier liegt der Fokus weniger auf der Gast- als auf der Landwirtschaft. Neben Pferden und Schweinen wird eine Mutterkuhherde gehalten. Der Betrieb ist kleinstrukturiert und auch hier steht im Vordergrund, die landwirtschaftliche Arbeit ohne Leistungsdruck ausführen zu können.

Ein ganz anderes Bild Sozialer Landwirtschaft in den Niederlanden zeigt wiederum der relativ große Betrieb Het Paradijs in Barneveld. Hier steht die landwirtschaftliche Erzeugung gemeinsam mit dem Inklusionsgedanken im Vordergrund. Die Haupteinnahmequelle ist die Vermarktung der Eier einer großen Legehennen-Haltung. Neben der Schweine- und Rinderhaltung werden Obst und Gemüse angebaut. Die Vermarktung der Erzeugnisse wird über den Großhandel, regionale Märkte und den Hofladen organisiert. Die Arbeit der Menschen mit Unterstützungsbedarf oder einer Behinderung findet in allen genannten Bereichen statt. Zudem befindet sich auf dem Hof ein Altenheim für Menschen mit einer Alzheimer-Erkrankung.

Die im Rahmen des internationalen Treffens besuchten niederländischen Höfe zeigen deutlich, wie divers Soziale Landwirtschaft sein kann: von Ausbildungs- über kleinstrukturierte Betriebe bis hin zu wirtschaftenden größeren Höfen. Und immer wieder die Frage im Hintergrund: Wie ist eine bestmögliche Inklusion möglich, zum Wohle Aller? Was lässt der Gesetzgeber des jeweiligen Landes an Strukturen zu? Und welches System legt die Kriterien fest, anhand derer die Qualität der praktizierten Sozialen Landwirtschaft gemessen und gesichert wird?

Kontakt: Lena Hüttmann, Petrarca e.V., Walburger Straße 2, 37213 Witzenhausen, 05542-6170507, Lena.Huettmann@petrarca.info, www.soziale-landwirtschaft.de, www.profarmproject.eu

 

Der Bericht kann hier heruntergeladen werden.

Die Autorin (links) beim Shoppen im Hofladen
Vollenhof-Betreiber Eimert Fykse
Behindertengerechter Erdbeeranbau
Alle Fotos: Thomas van Elsen