Drittes PROFARM- Netzwerktreffen in Kassel 2017

Drittes PROFARM- Netzwerktreffen in Kassel stattgefunden

Thomas van Elsen und Lena Hüttmann

Am 6. September 2017 fand das dritte Treffen (auch potenzieller) Case Manager auf dem „Werkhof“ in Kassel statt. Case Manager – das sind im Sprachgebrauch des italienisch-niederländisch-deutschen EU-Projekts PROFARM Prozessbegleiter, die Menschen mit Betreuungsbedarf bei dem Start ins Berufsleben unterstützen. Es geht dabei um Qualitätssicherung und Begleitung, und Case Manager können ganz unterschiedlichen Berufsgruppen entstammen: Landwirte, Sozialarbeiter oder Pädagogen.

Während die Projektpartner aus der Region Umbrien in Italien das Berufsbild eines solchen Prozessbegleiters erst erfinden, existieren in den Niederlanden und Deutschland bereits viele Ansätze eines solchen Case Managements, ohne dass es dafür eine einheitliche Berufsbezeichnung gäbe. Vor dem Hintergrund des Bundesteilhabegesetzes gewinnt jedoch die Fragestellung des EU-Projekts auch für Deutschland eine unerwartete Aktualität – es besteht die Chance, durch den Fokus auf die Begleitung junger Menschen mit Betreuungsbedarf in Berufsfeldern der Sozialen Landwirtschaft Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche Begleitung zu erarbeiten und dem Berufsbild des Case Managers quasi Geburtshilfe zu leisten.

Im Rahmen des PROFARM-Projektes hatte Ende Juni ein Workshop für die im Projekt involvierten Case ManagerInnen in Italien stattgefunden. Dieser Workshop schloss an einen zuvor durchlaufenen Video-Einführungskurs an und beinhaltete verschiedene Vorträge und Diskussionsrunden. Ein Bericht über das Treffen bildete den Einstieg des Treffens in Kassel.

Das deutsche System lässt sich wie folgt zusammenfassen: Jeder, der oder die in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen aufgenommen werden möchte, muss das „Eingliederungsverfahren“ und den „Berufsbildungsbereich"[1] („EV-BBB“) durchlaufen. Diese Struktur ist in Deutschland obligatorisch.

Johannes Negel arbeitet als Jobcoach für die „Initiative Sinnvolle Arbeit“ ISA: Ziel seiner Arbeit ist die Integration von jungen erwachsenen Menschen mit Behinderungen oder Einschränkungen auf den ersten Arbeitsmarkt. Im Rahmen der Initiative gibt es drei Angebote: Integrations-Langzeitpraktika und unterstützte Beschäftigung mit sozialversicherungspflichtigem Arbeitsverhältnis sowie Integrations-Krankenpflege –als Wege, um in das Berufsleben einzusteigen (www.isa-venne.de/).

Dominik Renner von der Leipziger Urban Gardening-Initiative AnnaLinde berichtete über seine Erfahrungen mit dem „Einstiegsqualifikationsjahr“: Das Job-Center finanziert dieses bis zu 9 Monate für Personen ohne Berufsausbildung; der Arbeitgeber erhält ca. 250 €, die er direkt weitergibt an die Person, die damit ein Berufsvorbereitungsjahr in dem Betrieb absolvieren kann und die dauerhaft in dem Betrieb bleiben und in ein Ausbildungsverhältnis übernommen werden kann, wozu der Betrieb aber nicht verpflichtet ist. In AnnaLinde konnte eine Person mit multiplen Problemen so in ein Ausbildungsverhältnis überführt werden.

Diagnose der Arbeitsmarktfähigkeit (DIAAM)

Wertvolle Gesichtspunkte steuerten die Lehrerinnen zweier Förderschulen aus Leipzig und Marburg bei, die vor der Aufgabe und der Herausforderung stehen, jugendliche AbsolventInnen ihrer Schulen in ein betreutes Arbeitsverhältnis zu vermitteln und dabei ggf. zu begleiten. Antje Putzke, Lehrerin aus Marburg, berichtete über das an ihrer Schule durch das Arbeitsamt initiierte Kompetenz-feststellungsverfahren. Dieses durchlaufen die Absolventen der Schule, bevor sie in den Berufsbildungsbereich gehen. Durchgeführt wird dies „Diagnose der Arbeitsmarktfähigkeit“ (DIAAM) durch Proliberi (www.proliberi.de/dia_am/). Getestet wird drei Monate lang die Erste-Arbeitsmarktfähigkeit bzw. das Potenzial für unterstützte Beschäftigung – ist der Schüler ausbildungsfähig, oder ist es ein Kandidat für die WfbM? Kombiniert ist dieses Kompetenzfeststellungsverfahren mit einer Begleitung von zwei Praktika in Hinblick auf eine Prüfung der Eignung für den ersten Arbeitsmarkt. Aufgrund des Ergebnisses wird entschieden, ob eine weitergehende Förderung (Finanzierung einer Berufsbildung) erfolgt. Erst werden vier Wochen lang Tests durchgeführt und danach wird im regionalen Umfeld ein Betrieb (u.a. auch Landwirtschaftsbetriebe) gesucht, möglichst am Wohnort des Schülers; Proliberi stellt dann den Kontakt zum Betrieb her und führt die Vermittlungsgespräche, es folgt ein vier oder achtwöchiges Praktikum, das mit einen Ergebnis endet, das Proliberi mit dem Arbeitsamt und der Vertreterin der Schule bespricht; davon hängt dann der weitere Arbeitsweg ab.

Das Arbeitsamt finanziert diese drei Monate; danach hat die Person keinen Anspruch mehr auf das Einheitsverfahren. Von den 27 Monaten Anspruch verbleiben 24 Monate Anspruch. Zuständig ist der REHA-Bereich des Arbeitsamtes. Anlass für das Arbeitsamt zur Entwicklung dieses Verfahrens ist gewesen, dass der LWV (Landeswohlfahrtsverband) nach den 27 Monaten finanzierungspflichtig ist und es früher häufig Klagen über Fehlberatungen durch die Arbeitsagentur seitens des LWV gab. – Problematisch ist, dass die Agenturen zunehmend diese Maßnahmen beim billigsten Anbieter einkaufen. Im Marburger Raum sind schon Anbieter, die auf Berufskompetenz und Erfahrung zurückgreifen können, von inkompetenten Konkurrenten unterboten worden und haben vom Arbeitsamt den Zuschlag bekommen. Die Sachbearbeiter in den Agenturen sind dann davon abhängig.

In Hinblick auf Empfehlungen für die Partnerländer erscheinen diese Erfahrungen extrem wichtig.

Im PROFARM-Projekt besteht die Aufgabe und Verpflichtung, in jedem der beteiligten Länder Erfahrungen mit Instrumenten der Kompetenzanalyse zu sammeln und zu dokumentieren. Weiter werden pro Land zehn Cases – konkrete Prozessbegleitungen in der Sozialen Landwirtschaft – durchgeführt und dokumentiert. Hierzu wurde in Kassel eine vom Projektteam vorbereitete Vereinbarungserklärung für die Beteiligten diskutiert; die anwesenden Case Manager stellten darüber hinaus ihre vorgesehenen „Fälle“ vor – Menschen mit dem Potenzial, in der Sozialen Landwirtschaft einen sinnerfüllten Arbeitsplatz zu finden.

Ein weiteres Netzwerktreffen ist für das im Frühjahr 2018 vorgesehen. Derzeit verfasst Linda Böttcher aus Berlin an der Humboldt-Universität ihre landwirtschaftliche Abschlussarbeit zum Berufsbild des Case Managers in der Landwirtschaft. Angedacht wurde, weitere Themen für Bachelorarbeiten der Sozialen Arbeit anzubieten: Das Testen unterschiedlicher Kompetenz-Bewertungsverfahren; Möglichkeiten der Verstetigung des Berufsbildes des Case-Managers im Kontext  „Andere Anbieter“ (BTHG!), sowie speziell die Vermittlung Jugendlicher aus Schulen mit Förderbedarf in die Soziale Landwirtschaft.

Ergeben sich durch das Bundesteilhabegesetz Perspektiven zur Verstetigung des Berufes Case Manger? Aufgrund der Gesetzeslage wird sich die Bedeutung der Werkstätten wandeln – es wird künftig leichter, dass Landwirtschaftsbetriebe Menschen mit Behinderungen einbeziehen. Hier stellt sich die Frage der Qualitätssicherung, genau hier wäre der/die Case ManagerIn die Schaltperson, die eine Begleitung auf hohem Niveau sicherstellen kann. Insbesondere aus Sicht der beteiligten Schulen erfordert diese Betreuung ein eigenes Berufsbild, zu dem das PROFARM-Projekt einen wichtigen Beitrag liefern kann.

Kontakt: Dr. Thomas van Elsen und Lena Hüttmann, Petrarca - Europäische Akademie für Landschaftskultur e.V., c/o Universität Kassel, FÖL, Nordbahnhofstr. 1a, 37213 Witzenhausen, Tel. 05542 981655, Thomas.vanElsenpetrarca.info.

 

Der Bericht kann hier heruntergeladen werden.


[1] Eingliederungsverfahren und Berufsbildungsbereich (maximal 2 Jahre) dienen der Suche nach einem geeigneten Tätigkeitsfeld sowie der Ausbildung und der Qualifikation der Beschäftigten.