Alfons Limbrunner verstorben

Kurz vor Weihnachten 2017 ist Alfons Limbrunner verstorben. Er war Mitbegründer der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft (DASoL), die das gemeinsam durchgeführte Projekt „Soziale Landwirtschaft auf Biobetrieben in Deutschland“ nach dessen Abschluss weiterführte. Zuvor war er als Dozent an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg tätig und vertrat dort das Fach Soziale Arbeit. Als Pensionär hat er maßgeblich dafür gesorgt, dass Bayern heute in vieler Hinsicht Vorreiter der Entwicklung Sozialer Landwirtschaft in Deutschland ist.

Alfons Limbrunner war „Grüne Sozialarbeit“ ein Herzensanliegen, das er auch in seine Lehre an der Fachhochschule einbrachte, aus der sich eine Reihe Studierender zu Abschlussarbeiten anregen ließen. In seiner Lehre propagierte er ein „Social Entrepreneurship“ – ein soziales Unternehmertum zur Sozialen Arbeit im Grünen Bereich. Zudem war er beratend auf dem Hausenhof und dem Münzinghof tätig – anthroposophische Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, die er nach Kräften als Supervisor unterstützte. Darüber hinaus faszinierte ihn Karl König, den Gründer der Camphill-Bewegung. Nach seiner Pensionierung unterstützte Alfons Limbrunner die Herausgabe mehrerer Bücher mit Texten und Vorträgen aus dem Nachlass dieses Arztes, der als Jude aus Nazideutschland nach Schottland emigrierte und dort die weltweit verbreitete Camphill-Bewegung initiiert hatte. Darauf war Alfons in dem im DASoL-Rundbrief 31 [1] wiedergegebenen „Gespräch“ noch eingegangen.

Alfons Limbrunner war ungeheuer belesen und vielseitig interessiert, sein Interesse galt Joseph Beuys ebenso wie dem Phänomen der Blutrache in Albanien. Sein Domizil in Erlangen glich einer Bibliothek. Seine Bezugnahme auf historische Quellen und Pioniere Grüner Sozialarbeit ist in seinen Beiträgen in dem von uns gemeinsam herausgegebenen Buch „Boden unter den Füßen“ nachzulesen. Und er schrieb gerne und viel, etwa für die Zeitschrift „Info3“.

„Grüne Sozialarbeit“ und „Soziale Landwirtschaft“ war für ihn dasselbe – eben aus unterschiedlichem Blickwinkel betrachtet. Diese unterschiedlichen Blickwinkel – Landwirtschaft und Soziale Arbeit - ergänzten sich so gut, dass wir Alfons Limbrunner als Projektpartner in das vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderte Projekt „Soziale Landwirtschaft auf Biobetrieben in Deutschland“ anfragten. Sein Beitrag darin lag vor allem in der Organisation und Durchführung von Gesprächen mit Trägern Sozialer Arbeit; in der letzten Projektphase ging die Idee der Gründung regionaler Arbeitsgemeinschaften auf ihn zurück, was sich als fruchtbarer erwies als die zuvor verfolgte Idee thematischer Arbeitsgemeinschaften. Er hatte richtig erkannt, dass die Berührungspunkte von Initiativen mit unterschiedlicher Klientel in derselben Region weit größere sind als die kilometermäßig weit entfernter Betriebe mit identischer Zielsetzung.  

Nach Auftakttreffen in der WAB Kosbach (Erlangen) und bei der mudra Wald und Holz-Drogenhilfe (Nürnberg) entstanden eine Broschüre mit Projekt- und Hofvorstellungen sowie vier kurze Filme über Höfe in Nordbayern und die regionale Netzwerkarbeit. Später war er treibende Kraft bei der Herausgabe des Buches „Boden unter den Füßen“ sowie bei der Initiierung einer gemeinsam mit der Nürnberger xit-GmbH durchgeführten Studie zum Status Quo Sozialer Landwirtschaft in Bayern. Alfons Limbrunners Aktivitäten zur Sozialen Landwirtschaft konzentrierten sich auf Bayern, hier fühlte er sich wohl.

Die Ökonomisierung Sozialer Arbeit war ihm ein Dorn im Auge – die Entwicklung zur „Sozialwirtschaft“ sah er äußerst kritisch, andererseits sah er in einem „sozialen Unternehmertum“ ein unausgeschöpftes Potenzial für Grüne Sozialarbeit. Schmerzlich war für ihn, dass mit seiner Pensionierung an der Ev. FH Nürnberg auch das einzige Studienangebot zur Sozialen Landwirtschaft in einem Studiengang der Sozialen Arbeit an einer deutschen Hochschule abgewickelt wurde.

Das Potenzial Sozialer Landwirtschaft für eine sozialere, ökologischere Landwirtschaft fand er interessant, aber sein Fokus waren die Menschen und die Möglichkeiten, ihnen durch Soziale Landwirtschaft, durch Grüne Sozialarbeit zu helfen. Vom Hofgut Rädel in Brandenburg, einer Jugendhilfe-Einrichtung, wo wir uns vor acht Jahren zu einer Projektbesprechung trafen, unternahmen wir mit dem früher dort tätigen Landwirt Marcus Sperlich eine Exkursion nach Schmerwitz – einem Großbetrieb, der früher von der Suchthilfeeinrichtung Synanon bewirtschaftet und auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt worden war und in diesem Zuge umfassend durch Landschaftselemente und Biotope ökologisch aufgewertet wurde – ein Beispiel für die Möglichkeit, durch Soziale Landwirtschaft aktiv Kulturlandschaft und Natur weiter zu entwickeln. Zum Zeitpunkt der Begehung blühte auf den Feldern überall Acker-Gauchheil, ein unscheinbares Primelgewächs, und meine beiläufige Bemerkung, dieses Ackerwildkraut, dessen Namen (Gauch = Narr) auf seine frühere Verwendung als Heilpflanze gegen Narrheit deutet, sei ja eigentlich die Pflanze der Sozialen Landwirtschaft schlechthin weckte Alfons Interesse, und liebevoll trug er bei dem Rest der Begehung das ihm überreichte Exemplar mit sich.

Aufgrund seiner Erkrankung, die er noch schriftstellerisch in seinem letzten Buch „Tumoresken" [2] umsetzte, zog er sich aus der aktiven Mitarbeit in der DASoL und der Mitherausgabe unseres Rundbriefs zuletzt heraus – im Bewusstsein, für die Entwicklung Sozialer Landwirtschaft und Grüner Sozialarbeit noch als Pensionär Wesentliches und viel Gutes bewirkt zu haben. Wir werden ihn vermissen – und danken!

Thomas van Elsen

 


[1] Als pdf  hier verfügbar.

[2] Alfons Limbrunner: Tumoresken. Am Rande der Lebenszeit. Verlag Freies Geistesleben, 1. Auflage 2017, ISBN 978-3-7725-2548-3

Auftakttreffen zur Netzwerkarbeit in Nordbayern in der WAB Kosbach, ganz links Alfons Limbrunner (1. Dezember 2010)
Alfons Limbrunner mit Max Hopperdietzel und Tobias Abraham von der mudra Wald und Holz-Drogenhilfe (Nürnberg)
Alfons Limbrunner, Marcus Sperlich, Marie Kalisch und Anne Jaenichen in Schmerwitz (Hoher Fläming)
Acker-Gauchheil – Pflanze der Sozialen Landwirtschaft